M:PROFILE


Dr. Jürgen Heraeus, Vorsitzender des Aufsichtsrates Heraeus

Erfinderisch + Ehrbar

= Erfolgreich

Text: Vera Hermes, # 5/2009
Fotos: Hearaeus

Ausgabe 09-10/2009 ist lieferbar.

Breit aufgestellt, hoch spezialisiert, enorm innovativ, global erfolgreich – das sind in Kürze die Charakteristika des Konzerns Heraeus. Wie machen die Hanauer das? Indem sie den Spagat beherrschen: Der hessische Ministerpräsident Roland Koch bescheinigte dem langjährigen Firmen-Lenker Dr. Jürgen Heraeus jedenfalls unlängst in einer Laudatio, es sei ihm gelungen, die Firma in globale Dimensionen zu führen und zugleich die Identität des Familienunternehmens zu wahren. Das ist eine hohe Kunst, wie zahllose Beispiele des Scheiterns zeigen – man denke nur an Quelle und die Familie Schickedanz.

Wahrscheinlich haben Sie ein Heraeus-Produkt im Mund. Mit ziemlich hoher Sicherheit befindet sich eines auf Ihrem Schreibtisch. Und in Ihrem Auto. Manche Menschen tragen eines in ihren Hüften. Wohl jeder hätte gern eines im Safe. Und, ja, auf dem Mond befindet sich auch eines. Das Technologie- und Edelmetallunternehmen Heraeus, Global Player mit Sitz im hessischen Hanau, ist zwar in unser aller Alltag präsent, doch in der breiten Öffentlichkeit kennt es kaum jemand, weswegen es Unternehmensberater Simon Kucher in seinem berühmten gleichnamigen Buch als einen der „Hidden Champions“ identifizierte. 

Der Konzern bewirtschaftet die für Laien eher sperrig klingenden Geschäftsfelder Edelmetalle, Sensoren, Dentalprodukte und Biomaterialien sowie Quarzglas und Speziallichtquellen. Und er setzt mit seinen globalen Marken Maßstäbe: Heraeus ist beispielsweise weltweit führender Dentalhersteller und fertigt 50 Millionen Prothesenzähne pro Jahr. Heraeus ist auch der weltgrößte Produzent dieser kleinen Edelmetallkügelchen an den Federspitzen von Füllern sowie der Kugeln für Kugelschreiber. Milliarden Stück produziert das Unternehmen davon alljährlich. In PKW-Dieselpartikelfiltern finden sich millimeterkleine Platintemperatursensoren aus dem Hause Heraeus – pro Jahr stellt das Unternehmen zehn Millionen davon her. Ohnehin ist der Konzernbereich Sensoren Weltmarktführer bei Sensoren und Mess-Systemen für die Stahl-, Aluminium- und Gießerei-Industrie. Seit einem halben Jahrhundert wird der Knochenzement „Palacos“ eingesetzt, wenn es darum geht, Hüftprothesen fest im Knochen zu verankern. Wo kommt der Zement her? Klar, von Heraeus. In dem Familienunternehmen wurde seinerzeit die Höhensonne erfunden; es zählt außerdem zu den weltweit ersten Adressen im industriellen Edel- und Sondermetallgeschäft. Überdies ist es eines der wenigen Unternehmen, das Quarzglas in hohen Qualitäten erzeugt. Was man mit Quarzglas macht? Nun, als beispielsweise im Juli 1969 der amerikanische Astronaut Neil Armstrong nach seinem knapp 22-stündigen Aufenthalt den Mond wieder verließ, blieb ein Laserreflektor auf dem Erdtrabanten. Dieser Reflektor dient seit nunmehr über 40 Jahren der genauen Bestimmung des Abstandes zwischen Erde und Mond; er besteht aus einer Anordnung von 100 Tripelprismen aus Quarzglas – von Heraeus geliefert. Heraeus ist, das nur nebenbei bemerkt, die größte integrierte Quarzglasschmelze der Welt.



Und: Heraeus ist in der Bewertung des „Manager Magazins“ ein „Konzern, der auf Familiengeist baut wie kaum ein zweiter in Deutschland.“ Die Bilderbuchgeschichte vom Heraeus-Erfolg beginnt, als der Apotheker und Chemiker Wilhelm Carl Heraeus 1851 von seinem Vater die Einhorn-Apotheke in Hanau übernimmt und wenig später ein Verfahren zum Schmelzen von Platin erfindet. Von da an geht es kontinuierlich bergauf, wobei Erfindungsgeist und Innovationskraft über alle Heraeus-Generationen hinweg eine tragende Rolle spielen. Heute verfügt das Unternehmen über mehr als 5.000 Patente. In 25 Entwicklungszentren beschäftigen sich über 350 Mitarbeiter mit nichts anderem als Forschung und Entwicklung. In Deutschland sind 14 Prozent der Heraeus-Belegschaft Akademiker, meist Naturwissenschaftler. Insgesamt arbeiten weltweit 12.830 Mitarbeiter (Stand: Ende 2008) in mehr als 110 Gesellschaften an über 120 Standorten rund um den Globus für Heraeus; im Jahr 2008 erzielten sie einen Produktumsatz von 2,9 Milliarden Euro und einen Edelmetall-Handelsumsatz von 13 Milliarden Euro.

Erfindungen sind die erklärten Wachstumstreiber. Kein Geschäftsbericht, kein Interview, kaum eine Website des Konzerns, die nicht die Innovationskraft preisen. Seit 2003 schreibt das Unternehmen einen internen Innovationspreis aus, an dem Forscher und Entwickler aller weltweiten Gesellschaften teilnehmen können. (Beste Innovation 2008 ist übrigens der „weiße Nanoreflektor“, der – mal ganz vereinfacht ausgedrückt – dafür sorgt, dass die Energieeffizienz von Photovoltaikanlagen steigt.) Die Innovationsrate, also der Umsatz mit Produkten, die jünger als drei Jahre sind, lag im Jahr 2005 bei 22 Prozent; zwei Jahre später,  2007, bei 25 Prozent. Im auch für Heraeus schwierigen Geschäftsjahr 2008 betrug sie in der Sparte Quarzglas in besonders innovativen Bereichen über 90 Prozent.

Die Wirtschaftskrise befeuert den Erfindergeist zusätzlich: Weil wichtige Absatzmärkte der Elektronik-, Stahl-, Chemie- und Halbleiterindustrie einbrechen, erschließt sich Heraeus neue Geschäftsbereiche, wie etwa die Photovoltaik, die für die Zukunft hohe Wachstumsraten versprechen. Der Konzern identifiziert Gesundheit, Umwelt, Energie, Mobilität und Kommunikation für sich als „Megatrendthemen“, mit denen er sich künftig intensiv befassen will. Zugleich werden alte Bereiche gestutzt, denn Heraeus praktiziert einen Mix aus Erneuerung und Loslassen: Zur Innovation gehöre „die Bereitschaft, Produkte, die einstmals eine Innovation darstellten, später aber zur Commodity mutierten – zum Beispiel Höhensonnen – abzustoßen. Ein innovatives Unternehmen muss kontinuierlich sein Programm aufräumen, den Technologiestammbaum beschneiden, damit junge, innovative Produkte nachwachsen können“, postuliert Dr. Jürgen Heraeus, Vorsitzender des Aufsichtsrats und des Gesellschafterausschusses, im Geschäftsbericht 2008.

An wohlkalkulierter Risikobereitschaft fehlt es dem Urenkel des Firmengründers nicht. Er war es, der das Edelmetallunternehmen zum global agierenden Technologiekonzern formte: 1964 startete er als Trainee im Familienunternehmen, ab 1983 stand er an dessen Spitze, im Jahr 2000 wechselte er als Aufsichtsratsvorsitzender in die Heraeus Holding. In seine Zeit als Unternehmenslenker fällt die Internationalisierung: Heute erwirtschaftet Heraeus 85 Prozent seines Umsatzes im Ausland. In seine Zeit fällt auch die Restrukturierung: Der promovierte Betriebswirt gliederte den Konzern in Kernarbeitsgebiete, verkaufte den Gerätebereich, formte eigenständige Gesellschaften und dezentralisierte das Unternehmen. Die Diversifikation erwies sich als goldrichtig. Während derzeit zum Beispiel die Halbleiterindustrie den Hanauern Umsatzeinbrüche beschert, läuft etwa die Pharma- und Medizinsparte ungebrochen gut. Zum „Manager Magazin“, das Jürgen Heraeus unlängst in seine Business-Hall of Fame wählte, hat er mal gesagt, er sehe Heraeus nicht als Großunternehmen, sondern als „Konglomerat von Mittelstandsunternehmen“. Damit sie auch tatsächlich wie selbstständige Mittelständler agieren könnten, gewähre er den Tochtergesellschaften möglichst viele Freiheiten. Auf die Frage, wie er denn seinen Führungsstil beschreibe, antwortete Jürgen Heraeus vor kurzem „op-online.de“: „Manchen ist er vielleicht zu frei – von außen gesehen. Ich vertraue meinen Leuten. Wenn man eine Vereinbarung hat, erwarte ich, dass diese eingehalten wird – und dass die Leute ehrlich sind. Offenheit und Ehrlichkeit habe ich immer eingefordert.“ Teamarbeit steht er nach eigenem Bekunden kritisch gegenüber: „Nicht jeder kann bis zum Ende mitreden. Man braucht ein Team, aber einer muss führen.“

Jürgen Heraeus ist, da sind sich Beobachter einig, ein Boss der alten Schule. Die „FAZ“ sprach angesichts seiner Wahl zum Präsidenten von Unicef Deutschland im April 2008 von einem Mann, „der über alle moralischen Zweifel erhaben ist“. Trägheit und Selbstzufriedenheit seien ihm ein Greuel, die Selbstbedienungsmentalität mancher Manager bringe ihn in Rage und den „ehrbaren Kaufmann“ halte der Unternehmer keineswegs für eine traditionsbeladene Floskel. Jürgen Heraeus ist ein erklärter Verfechter von Eigeninitiative, Mitverantwortung und Selbstdisziplin –  und ein ebenso erklärter Gegner von staatlicher Überregulierung und zeitraubenden Entscheidungs- und Mitentscheidungsprozeduren. Die über vier Generationen gelebte Werteorientierung der Familie Heraeus schlägt sich im weit verzweigten Unternehmen nieder, was neben der Innovationskraft ein entscheidender Erfolgsgarant sein dürfte. Erst Anfang 2007 fixierte der Konzern seine Werte in einem verbindlichen Verhaltenskodex für alle Mitarbeiter. Eine „Kultur des Hinschauens, der tägliche Dialog über rechtschaffenes Handeln sind uns wichtig“, hieß es zur Begründung.
„In den Grundwerten haben wir die wesentlichsten Punkte des Zusammenlebens im Unternehmen geregelt. Wenn Sie so wollen, sind das Leitplanken, die vorgeben, wie wir miteinander umgehen wollen. Dort stehen Themen drin wie Vertrauen, Berechenbarkeit“, erklärte Frank Heinricht, Vorsitzender der Geschäftsführung der Heraeus Holding, unlängst gegenüber dem „Deutschlandfunk“.

Wertkonservativ im besten Sinne agiert auch die Konzernspitze, an der zwar mit Frank Heinricht erstmals ein externer Manager statt eines Familienangehörigen steht, deren Leitbild aber dennoch unverändert ist: Da wird nachhaltig gewirtschaftet statt auf schnelle Gewinne zu setzen, da wird in guten für die schlechten Zeiten Geld beiseite gelegt, da verzichten Familiengesellschafter auch mal auf Gewinnausschüttungen, damit die solide Finanzstruktur gewahrt bleibt. Das solide Wirtschaften ermöglicht weitere Investitionen in Innovation und kluge Köpfe. Heraeus stellte im Krisenjahr 2008 955 neue Mitarbeiter ein und meldete eine positive Entwicklung der Vermögens- und Finanzlage: Demnach belief sich die Bilanzsumme des Heraeus Konzerns zum Jahresende 2008 auf 2.856,4 Millionen Euro und lag damit 8,3 Prozent über der des Vorjahres. Die Eigenkapitalquote des Konzerns betrug erkleckliche 55,5 Prozent. Innovationskraft und Diversifikation, Nachhaltigkeit und Werteorientierung sind die Ingredienzen des Erfolgs. Und da ist noch etwas … Frank Heinricht brachte es im „Deutschlandfunk“-Interview auf den Punkt: „Schalte nie den gesunden Menschenverstand aus.“ Man dürfe sich nicht von „Hypes“ mitreißen lassen und übermütig werden, sondern müsse immer mal wieder hinterfragen: „Ist das vernünftig, was dort gemacht wird?“ Mit dieser Einstellung, Heraeus hat es eindrucksvoll bewiesen, kommt man weit. Wenn es sein muss, bis zum Mond. Mit der NASA arbeitet das hessische Familienunternehmen übrigens nach wie vor zusammen: zuletzt in einem Projekt, das einen Teilaspekt der Allgemeinen Relativitätstheorie von Albert Einstein beweisen soll. Heraeus ist uns allen aber im Alltäglichen viel näher: Sollten Sie zum Beispiel heute Abend einen LCD-Flachbildschirmfernseher einschalten, ist die Chance ziemlich hoch, dass Sie die brillante Bildqualität einer Technologie von Heraeus mitverdanken.


M:PROFILE bestellen

Bestellen Sie jetzt M:PROFILE