
Rheinischer Eroberer
Text: Bijan Peymani, # 5/2011
Erfolgreicher Manager, engagierter Gesellschaftsarbeiter, rheinische Frohnatur: Für seine Lebensleistung verdient Werner Dornscheidt Respekt, sein Naturell fordert Zuneigung ein. Doch hinter dem lockeren Umgang und der jovialen Art steckt ein knallharter Typ, der die Messe Düsseldorf binnen weniger Jahre in die Weltspitze geführt hat.
Ortstermin, Stockumer Kirchstraße. Werner Matthias Dornscheidt lädt zum Gespräch in sein Büro im Verwaltungsgebäude der Düsseldorfer Messegesellschaft. Freundliche Begrüßung, fester Händedruck, ein perfektes Entrée. Dornscheidt ist ein sympathischer Kerl, der gutes Essen zu schätzen weiß – mit kreisrundem Gesicht, lustigen Augen hinter einer hellbraunen Hornbrille und rheinischem Akzent. Der Blick schweift durch den großen Raum, über den Schreibtisch und die alte, rote Körperwaage bis zu einem Schiffsmodell auf der Fensterbank.
„Das ist die ,Princess‘“, erklärt Dornscheidt, so als hätte er nur auf diese Frage gewartet. Eine 44 Meter lange Yacht, vor etlichen Jahren auf der „Boot“ präsentiert und von einem Ukrainer gekauft. Neben dem „Caravan Salon“ ist die „Boot“ die einzige Konsumplattform der Messe Düsseldorf. Bei Preisen bis zwei respektive zehn Millionen Euro für Exponate handelt es sich aber eher um Investitionsgüter. Beide Messen sind vor allem Imageträger: „Die ,Boot‘ ist weit davon entfernt, die ertragreichste unserer Veranstaltungen zu sein“, unterstreicht Dornscheidt.
Das Geschäft macht er mit Branchenleitmessen wie der „K“, der „Drupa“ und der „Interpack“ – „das sind unsere Standardmarken, unter deren Schirmherrschaft wir im Ausland inzwischen Satellitenveranstaltungen betreiben“. Federnd leicht und souverän tanzt Dornscheidt durch die Geschichte der Messe Düsseldorf, erklärt deren Ausnahmestellung in Deutschland („kommen ohne Subventionen aus“), referiert über Internationalisierungsversuche (Südamerika, Afrika) und -erfolge (China, Südostasien, Osteuropa). Dornscheidt kann seinen Stolz kaum verbergen.
Tatsächlich hat sich die Messe Düsseldorf unter seiner Ägide in der Spitze etabliert. „Mit 40 Events hier am Standort, davon 23 Weltleitmessen, sind wir global marktführend“, sagt der zweifache Familienvater, „spätestens 2015 wollen wir unangefochten die Nummer eins auf dem Gebiet der Investitionsgütermessen sein.“ Kleinmut ist Dornscheidt fremd – er hat auch gar keinen Anlass dazu. Ihn muss nicht einmal die absehbare Konsolidierung im deutschen Markt schrecken, die angesichts der chronischen Defizite vieler Messeplätze kommen muss.
In der Branche gilt als Faustregel, dass das Doppelte der mit den Veranstaltungen erzielten Umsätze in Stadt und Region hängen bleibt – viele Messegesellschaften kalkulieren sogar mit dem Sechs- bis Siebenfachen. „Das klappt aber nur, wenn Sie eine internationale Plattform haben und die Besucher mindestens drei bis vier Tage vor Ort im Hotel übernachten“, gibt Dornscheidt zu bedenken. Viele Messen verzeichnen überwiegend Tagesbesucher aus dem Umland, die abends wieder heimfahren – ohne Zusatzeinnahmen für die Stadt.
„Ich behaupte, dass es die Hälfte aller deutschen Messestädte – und davon gibt es rund 70 –in 15 Jahren nicht mehr gibt“, sagt Dornscheidt voraus, und für Momente weicht seine muntere Fröhlichkeit einem unverkennbaren Ernst. Die sieben großen Standorte sieht er gestärkt aus dem Bereinigungsprozess hervorgehen, „parallel wird es eine zweite Liga geben, mit Essen, Hamburg oder Stuttgart; sie haben mit ihren Fachmessekonzepten eine Riesenchance“. Er sei aber „überzeugt, dass wir einen Großteil heutiger Messeflächen nicht mehr brauchen werden“.
Eine These, die Dornscheidt als stellvertretender Vorsitzender des Ausstellungs- und Messe-Ausschusses der Deutschen Wirtschaft gebetsmühlenartig im Verband vorträgt. Allein, die Angesprochenen sind auf diesem Ohr zumeist taub, nähren sich lieber an den kommunalen Zuschüssen, die ihr Geschäftsmodell künstlich am Leben halten. Wettbewerbsverzerrend sei das, ärgert sich der diplomierte Betriebswirt zu Recht. Doch dann, als das Gespräch auf sein umfangreiches ehrenamtliches Engagement fällt, mildern sich seine Gesichtszüge wieder.
Etwa, als er erklären darf, wie er Honorarkonsul für Mexiko wurde: „Nordrhein-Westfalen hat die größte mexikanischen Population in Deutschland, und weil der frühere Ministerpräsident Jürgen Rüttgers und Düsseldorfs damalige Oberbürgermeister Joachim Erwin unbedingt das Honorarkonsulat in der Landeshauptstadt haben wollten, baten sie mich, diese Aufgabe zu übernehmen.“ Seither gibt es im Haus ein Büro mit einer Mitarbeiterin, die Formalitäten von Passvorgenehmigungen über Visa-Erteilungen bis zum Totenrücktransport erledigt.
Mag dies eine Verpflichtung sein, der sich Dornscheidt nicht ohne Weiteres entziehen konnte, so muss der einstige Leistungssportler im Rudern und Geräteturnen sein Kuratoriumsamt bei der Deutschen Sporthilfe geradezu als Lust empfinden. Dass er jüngst auch noch in den Kreis der Olympia-Förderung des Landes Nordrhein-Westfalen berufen wurde, war nur konsequent: Dornscheidt ist zu verdanken, dass die Messe Düsseldorf seit den Sommerspielen in Sydney 2000 alle „Deutschen Häuser“ stellt – Treffpunkt für Athleten und Medienvertreter.
Die Messegesellschaft unterhält dafür eine eigene Abteilung mit vier Personen und hilft mit, sommers wie winters Sponsoren an Land zu ziehen. Dornscheidt: „Die Kosten übernimmt die Deutsche Sportmarketing, aber die gesamte Organisation machen wir und überweisen zudem jedes Jahr einen fast siebenstelligen Förderbetrag an die Deutsche Sporthilfe.“ Die Geschichte ging so: Ende der 1990er Jahre flog Dornscheidt mit seinem damaligen Boss zum Stadion-Richtfest nach Sydney, weil er die Möglichkeit sah, das „Deutsche Haus“ auszurichten.
Eine Unterredung mit Thomas Bach, zu jener Zeit frisch in der Exekutive des Internationalen Olympischen Komitees (IOC), und ein paar Handshakes mit nationalen Sportfunktionären später erhielt er nach einer Präsentation seines Konzeptes den Auftrag und hat ihn bis heute. „Mein Vorteil war, dass ich direkt am olympischen Korridor in Sydney ein Gebäude samt Grundstück besaß, das ich dem insolventen Sportbodenhersteller Balsam abgekauft hatte – da wusste ich noch gar nicht, ob ich den IOC-Zuschlag überhaupt erhalten würde.“
Bei alledem ist Dornscheidt kein Zocker, er geht das kalkulierbare Risiko. Und wenn ihm eine Sache ernst ist, wie die Initiative „Save Food“, dann verfolgt er sie bemerkenswert hartnäckig. „Wir haben dieses Projekt vor gut eineinhalb Jahren gemeinsam mit dem Verband Deutscher Maschinen- und Anlagenbau entwickelt“, blickt der Messe-Chef zurück. Ausgangspunkt seien Berichte gewesen, nach denen etwa in Indien bis zu 60 Prozent der geernteten Nahrungsmittel verderben, weil sie für Lagerung und Transport nicht adäquat verpackt werden können.
Nach intensiver Überzeugungsarbeit durfte Dornscheidt die Initiative Anfang Mai nicht nur anlässlich einer Konferenz der UN-Kommission für Nachhaltige Entwicklung in New York vorstellen, es gelang ihm auch, die Welternährungsorganisation FAO zu gewinnen. „Erst am dem Nachmittag, als wir vor der UN präsentiert hatten, leistete die FAO ihre Unterschrift“, erinnert sich Dornscheidt. An deren Hauptsitz in Rom wird die Messe Düsseldorf auf eigene Kosten im Oktober eine Ausstellung ausrichten, um breit über das Projekt zu informieren.
Das ist ein Erfolg, das ist Dornscheidts Erfolg, aber: „Ich will kein Gutmensch sein. Ich bin einfach davon überzeugt, dass man das als Unternehmen, wenn man es finanzieren und auch etwas damit bewirken kann, einfach tun muss.“ Dornscheidt ist weit über das Messegeschäft hinaus ein Visionär, mit der Kraft und dem Beharrungsvermögen, seine Ideen zu verwirklichen. Niemand sollte den Kerl unterschätzen, wie er sich da so lässig in seinen Sessel drapiert. Der Mann hat Format.


