
Beste Tischmanieren
Text: Bijan Peymani, # 5/2008
Fotos: Robbe & Berking
Eher still, mit gebotener hanseatischer Zurückhaltung, eroberte Robbe & Berking die Welt. Heute ziert das Geschmeide der in fünfter Generation geführten Flensburger Silbermanufaktur Sterne-Restaurants und Luxusyachten, den russischen Kreml ebenso wie das Gästehaus der Bundesregierung – und demnächst einen Palast des malayischen Königs. Der Erfolg des Familienbetriebs gründet auf der Kontinuität seiner Beziehungen nach innen und nach außen.
Es soll Menschen geben, die greifen zu Produkten von Robbe & Berking (R&B), ohne es wirklich zu ahnen. Sie speisen im „Fährhaus“ auf Sylt, im „Kastell“ in Wernberg-Köblitz oder im „The Modern“, dem Restaurant des legendären Museum of Modern Art („Moma“) in New York. Hantieren manierlich mit Messer und Gabel, rühren gedankenverloren in ihren Mokkas oder reichen ihrem Tischnachbarn freundlich die Zuckerdose. Heimlicher Hauptdarsteller der Szenerie ist immer die Silbermanufaktur aus Flensburg.
Es gibt aber auch Menschen – gewiss der Normalsterblichkeit und zuweilen allem Irdischen entrückt –, die greifen ganz bewusst zu Produkten von Robbe & Berking. 925er Sterling-Tafelzeug als Insignium der Macht, jedes hunderte Teile umfassende Set zum Preis eines Mittelklassewagens. „Vor Jahren hatten wir die Ehre, den Kreml komplett mit Silber ausstatten zu dürfen“, erklärt Oliver Berking. Zuvor habe der Innenarchitekt der russischen Schaltzentrale höchst selbst um Bemusterung und Angebote gebeten.
Was wie Koketterie anmutet, ist die unaufgesetzte Bescheidenheit, mit der Berking die 1874 gegründete Firma gemeinsam mit dem für Marketing und Vertrieb zuständigen Ulrich Ackermann führt – in nunmehr fünfter Generation. Und mit jedem weiteren Jahr des Bestehens wird die elitäre Kundenliste länger: Anfang 2005 fand Microsoft-Co-Gründer Paul Allen, dass sich Silberbestecke von Robbe & Berking in der Kombüse seiner „Octopus“, der bis dahin mit 126 Metern längsten Motoryacht der Welt, besonders gut machen würden.
Heute hat – offiziellen Darstellungen zufolge – Scheich Mohammed Al-Maktoum den größten Wasserschlitten. Der Herrscher von Dubai ließ seine auf den Namen des Emirats getaufte 168-Meter-Yacht 2006 mit Bestecken der R&B-Kollektion Martelé ausstatten. Abnehmer der feinen Flensburger Handarbeit sind zudem mondäne Kreuzfahrtschiffe wie die „MS Europa“, das Weiße Haus in Washington oder das Berliner Kanzleramt. Der Privatsekretär des Aga Khan erscheint sogar persönlich in der Manufaktur, um die Auswahl zu treffen.
Aktuell arbeitet Robbe & Berking für das malayische Königshaus an der Ausstattung eines Palastes. „Wie viele der Freunde unseres Hauses sind auch die Malayen Wiederholungstäter“, erklärt Berking, „wir kennen sie schon lange und haben bereits mehrmals für sie arbeiten dürfen.“ Auch in der Heimat hat die Manufaktur ein gutes Entree: So war es ihr vorbehalten, das Barockschloss Meseberg in Brandenburg zu veredeln. Es dient der Bundesregierung als Gästehaus, wird aber auch für Kabinettsklausuren und internationale Konferenzen genutzt.
Projekte wie das Weiße Haus und der Kreml, Barockschloss oder Malayen-Palast zählen zum sogenannten „Objektgeschäft“, das laut Berking „noch vor 20 Jahren nur eine untergeordnete Rolle“ spielte. Heute ist es für Robbe & Berking eine wesentliche Umsatzsäule. Details nennt der 46-Jährige nicht, denn „wir sind froh, als Familienunternehmen mit konkreten Zahlen zurückhaltend sein zu dürfen“. Das zeichnet Oliver Berking aus: Auf eine angenehme Art gelingt es ihm, seine Position charmant, aber bestimmt deutlich zu machen.
Im Gespräch wie im Geschäft gibt er sich als fairer, verlässlicher Partner. Und so sind es vor allem – vermeintlich langweilige – Tugenden wie Gradlinigkeit und Diskretion, jedoch auch eine bemerkenswerte Kompromisslosigkeit im eigenen Handwerk und nicht zuletzt diese Konstanz in den Beziehungen nach innen und außen, mit denen es Robbe & Berking binnen weniger Jahrzehnte zum Weltmarktführer gebracht hat. Laut Berking arbeitet sein Haus rund um den Globus in 63 Ländern mit etwa 1200 Fachhändlern zusammen.
Der frühe, konsequente Blick über den eigenen Tellerrand hinaus hat aus Sicht von Berking wesentlich dazu beigetragen, dass der einst von seinem Ururgroßvater Nicolaus Christoph Robbe gegründete, später von dessen Schwiegersohn Robert Berking mit geleitete Betrieb heute noch existiert. „Unsere Branche ist keineswegs konjunkturunabhängig“, betont Oliver Berking, „durch unsere weltweite Ausrichtung können wir Wirtschaftskrisen in der einen Region regelmäßig durch andere Regionen mit Wachstum überkompensieren.“
Ist die eigene Heimat denn ein Luxusmarkt? „Deutschland ist für unser Produkt ein guter, im Bereich silberner Bestecke der größte Markt“, illustriert Berking und ergänzt, dies bedeute nicht gleichzeitig, dass es auch ein Luxusmarkt sei. Silber von Robbe & Berking benutzt man zuhause im Familienkreis und nicht auf der Straße, um damit anzugeben. „Die Menschen kaufen es also aus wirklicher Überzeugung und Leidenschaft für das Material, die Form und die handwerkliche Verarbeitung, und davon gibt es in Deutschland viele.“
Nach eigenen Angaben weist Robbe & Berking heute bei Silberbesteck einen bundesweiten Marktanteil von mehr als 70 Prozent auf, bei versilbertem Besteck liegt er über 60 Prozent. Viele Jahrzehnte lang trieb vor allem die Vorweihnachtszeit den Umsatz hoch. „Durch unsere Expansion auch in Länder, in denen es das uns bekannte Weihnachtsgeschäft nicht gibt und die Tatsache, dass gerade unsere Bestecke zunehmend ganzjährig im Objektgeschäft gefragt sind, verteilt sich der Umsatz heute aber nahezu gleichmäßig über das Jahr“, so Berking.
„Unser Markt ist klein und unterliegt starken Schwankungen“, sagt der gebürtige Flensburger. Das habe viele Mitbewerber bewogen, die Sortimente zu diversifizieren. „Wir dagegen haben nie etwas anderes hergestellt als silberne und versilberte Produkte.“ Robbe & Berking bewege sich in einem engen Segment, „in dem die Bäume nie in den Himmel wachsen werden, aber hier sind wir heute der Experte“. Wir streben nicht nach Größe, sondern glauben noch lange existieren zu können, wenn wir nur die Besten in Sachen Silber sind“, postuliert Berking.
Wie passt da eine eigene Werft ins Bild? „Ich segle gern, kann mich für klassische Yachten begeistern“, begründet der Firmenchef. Regelmäßig lädt er zu speziellen, mithin sehr großen Regatten am Firmensitz ein. In Zukunft werden unter dem Namen Robbe & Berking Classics in Flensburg Yachten gebaut, ein erstes Schiff ist gerade vom Stapel gelaufen. Berking: „Wir können aus edlen Materialien Dinge von zeitloser Schönheit herstellen, und wir machen nur Dinge, für die wir uns selber begeistern können. Da lag die Gründung einer Werft nahe.“
Anspruchsvoll bleibt die Aufgabe, einen so handwerklich orientierten Produktionsbetrieb – jedes Teil wird bis zu 50-mal in die Hand genommen – „im Hochlohnland Deutschland“ aufrecht zu erhalten. Robbe & Berking sei „einer der letzten Betriebe unserer Branche“, der ausnahmslos in der Heimat fertige. Diese Herausforderung haben Berking und der fünf Jahre ältere Ackermann für ihre heute 200 Mitarbeiter bisher gemeistert, und das wollen sie auch in Zukunft schaffen. Wenn’s sein muss, über finanzielle Engagements in einzelnen Regionen.
„Der Fachhandel in den zentraleuropäischen Märkten ist zunehmend Not leidend“, analysiert Berking, „dort betreiben wir inzwischen eine Reihe eigener Flaggship-Stores“ – europaweit heute insgesamt 14. Hier wie grundsätzlich bleiben Silberbestecke und versilberte Bestecke aller Yachtpassion zum Trotz die Umsatzträger. Und „Korpussilber“ vom Leuchter über Tee-Service und edlen Platzteller bis zu anspruchsvollen Geschenkartikeln – ein Markt, den sich Robbe & Berking durch Übernahme einer anderen Silbermanufaktur 1991 erschlossen hatte.
Die Begrenzung auf die Tafelsilberzunft würde Robbe & Berking allerdings nicht gerecht. Konsequent orientiert sich das Unternehmen nach eigenem Bekunden insbesondere an den Markenherstellern aus der Uhren- und Schmuckbranche. Und lebt diesen Anspruch seit der Gründung vor mehr als 130 Jahren: „Andere mögen es billiger machen, aber niemand darf besser sein als wir“, zitiert Oliver Berking seinen Ururgroßvater. Ein Credo, das bis heute auch den Marken- und Kommunikationsauftritt bestimmt.
Und der besteht vorwiegend aus klassischer Printwerbung in überregionalen Tageszeitungen sowie in Frauen-, Wohn- und Gourmetzeitschriften. Den „beträchtlichen“ Etat (Berking) setzt seit mehr als 30 Jahren die Werbeagentur Würdinger und Partner aus Hannover um. Es ist auch diese Konstanz, die den Erfolg der Flensburger Silbermanufaktur ausmacht. Und der Versuch, die Marke Robbe & Berking mittels Abendveranstaltungen zum Thema Silber oder der „Robbe & Berking Classics“ erlebbar, anfassbar zu machen.
Die „Robbe & Berking Classics“ werden seit 1995 einmal jährlich auf der Flensburger Förde abgehalten. Das ausschließlich für klassische Motor- und Segelyachten organisierte Regatta-Wochenende hat inzwischen mit gut 200 teilnehmenden Schiffen und über 1000 aktiven Seglern eine stattliche Dimension erreicht. In Zeiten, da moderne Boote meist aus Hightech-Materialien gebaut werden, passt eine solche Veranstaltung mit eleganten, hölzernen Yachten „natürlich wunderbar zu unserer Manufaktur“, erklärt Berking.
Ob Microsoft-Ikone Allen oder Wüstensohn Al-Maktoum je mit von der Partie waren, ist nicht überliefert. Ihr Gesicht gewinne die Marke aber „sicher an andere Stelle“, wie der R&B-Firmenchef deutlich macht. So hat Robbe & Berking jüngst gemeinsam mit der Gesellschaft für Goldschmiedekunst in Hanau und dem dortigen Deutschen Goldschmiedehaus einen aufwändigen Gestaltungswettbewerb unter internationalen Silberschmieden durchgeführt – den größten seiner Art weltweit, wie Berking betont.
An der „Silber-Triennale“, die seit 1965 alle drei Jahre abgehalten wird, nehmen etwa 200 Künstler aus knapp 20 Ländern teil. Die prämierten Arbeiten werden anschließend für eineinhalb Jahre als Beispiele zeitgenössischer Silberschmiedekunst in einer Reihe namhafter Museen der Öffentlichkeit präsentiert – zur 15. Auflage in den Jahren 2007 und 2008 vom Museum für Kunst und Gewerbe in Hamburg bis zur Pinakothek der Moderne in München. Immer mit dabei: Robbe & Berking – diskret, aber unübersehbar, wie stets seit 1874.


