
Der Mutmacher
Text: Bijan Peymani
Foto: Borek
Weiter wie bisher, die Agonie einer Dynastie vor Augen, oder Aufbruch zu neuen Ufern, mit absolut ungewissem Ausgang? Henning Borek hatte kaum Alternativen, um die Zukunft des in 6. Generation geführten Familienbetriebs zu sichern. Gegen interne Widerstände wagte er mit unternehmerischem Mut und visionärer Kraft den Umbau des traditionellen Druckhauses zum digitalen Mediendienstleister. Heute steht die Borek Kommunikation besser da denn je.
Henning Borek unterbricht das Gespräch, hält einen Moment lang inne. Sein Blick schweift in die Ferne, aus dem Fenster seines Braunschweiger Büros in die Unendlichkeit. „In Momenten der Entscheidung sind Sie unternehmerisch sehr einsam“, sagt der heute 61-Jährige dann mit einer Mischung aus Demut und Genugtuung. Seit vier Jahrzehnten ruht das Familienerbe in seinen Händen, auf seinen Schultern. Unter Boreks Führung war die Formulardruckerei zum Direktmarketingspezialisten gewachsen, hatte sich internationalisiert und gezielt akquiriert.
Immer wieder gelang es ihm, das Unternehmen an veränderte Bedingungen anzupassen. Und stets blieb sich Borek dabei treu: Gedruckt wird auf Papier, mit klassischen Maschinen. Doch irgendwann zu Jahrtausendbeginn, als sich die Branche konsolidierte und das Geschäft zu erodieren begann, schwante dem Sohn des renommierten Briefmarken- und Münzhändlers Richard Borek, dass sein Modell, dass die alte Aufstellung keine Zukunft haben würde. „Mit unseren Möglichkeiten sah ich keine Chance zum Überleben“, blickt Henning Borek zurück.
Aus dieser 2006 gewonnenen Erkenntnis heraus brütete Borek ungezählte Tage und Nächte über Optionen, entwickelte und verwarf Alternativkonzepte, identifizierte schließlich die Wachstumsmärkte Datenverarbeitung, variablen Druck sowie Logistik. Und entschied: „Auf diese drei Felder wollen wir uns mit dem Unternehmen hinbewegen.“ Zuvor hatte Borek erste Erfahrungen bei der Entwicklung von Web-to-Print-Applikationen gesammelt, der geplante Umbau erschien in diesem Licht Erfolg versprechend – und glich doch einem Parforceritt.
Denn mit dem bisherigen Geschäftsmodell gab Borek auch die Produktionsanlagen preis, das Herzstück der Firma und Identifikationsplattform für alle Beteiligten. Für Borek selbst, aber noch mehr für die damals über 320 Mitarbeiter ein „schwerer Abschied“, wie er bekennt. Im Angesicht der persönlichen, durchaus emotionalen Beziehung zu den Druckmaschinen musste ein Verkauf derselben als Verlust der eigenen Existenz empfunden werden. Entsprechend groß war die Verunsicherung, als Borek den Beschäftigten sein Zukunftskonzept präsentierte.
Im Vorfeld hatte er die Pläne von seinem Technischen Leiter akribisch durchrechnen lassen – mit fatalem Ergebnis: „Er kam zu mir und sagte, das sei die größte Fehlentscheidung meines Lebens, und seine Rechnung stimmte sogar“, erinnert sich Borek, „ich entgegnete ihm, ich wolle es trotzdem machen.“ Ein erhebliches Risiko, ein Wagnis mit ungewissem Ausgang. Es standen hunderte Arbeitsplätze, Aufträge, ja das ganze Familienerbe auf dem Spiel! In vielen Gesprächen vermochte Borek, wichtige Kunden zu überzeugen; der interne Widerstand blieb.
„Es gelang mir mit keinem Argument, das Gros meiner Mannschaft für die Idee zu gewinnen, aber als Unternehmer müssen sie auch unberechenbare Schritte gehen.“ Der Aufbruch in eine neue Ära war in Boreks Augen alternativlos, die Zukunft würde das Unternehmen nur sichern, wenn es sich neu kalibrierte – weg von der klassischen Offset-Druckerei, hin zum digitalen Mediendienstleister. Unterstützung erhielt er von einem ehemaligen Kollegen, der ihm Mut zusprach – „in der Entscheidung und der Verantwortung jedoch stand ich allein.“
In der Folge verkaufte Borek Druckmaschinen an Partner in Polen, zwei Anlagen verschob er in den Tochterbetrieb nach Ungarn. Am schmerzlichsten für ihn als Familienunternehmer sei gewesen, sich zudem von 70 Mitarbeitern trennen zu müssen. „Darunter waren ausgerechnet jene der Firma Demos in Sachsen-Anhalt, die mich 1990 – damals unter der Verwaltung der Treuhand – in meiner Abwesenheit zu ihrem Chef bestimmt hatten“, erklärt Borek, „aber ich musste auch an die verbleibenden Mitarbeiter denken, mit denen es weitergehen sollte.“
Viele Unternehmer und Manager scheuen sich vor Kündigungsgesprächen oder lassen andere die schlechte Nachricht überbringen – Henning Borek nicht: „Es war mir wert und wichtig, diese Dinge persönlich zu regeln.“ Von frühester Kindheit an hatte er nach eigener Aussage lernen müssen, Verantwortung für andere zu übernehmen. Das Los der Betroffenen habe ihn, selbst neunfacher Vater – der Älteste 36, die Jüngste 11 –, sehr berührt, erklärt er noch heute. „Es bringt die gesamte Familie in eine schwierige Situation, wenn ein Teil den Job verliert.“
Gut 250 Arbeitsplätze konnte Borek erhalten. Mit ihnen gemeinsam stellte er die Gruppe auf vier Säulen: Datenmanagement, Printproduktion, Logistik- sowie Telemarketing-Services. Im Unternehmen wird zwar noch Papier bewegt – unter anderem beliefert Borek Kommunikation 13 der 16 deutschen Lottogesellschaften mit Tippscheinen –, doch der Fokus liegt inzwischen auf elektronischen Abläufen, gedruckt wird digital. „Wir wollen uns einen Namen machen als Dienstleister für die gesamte Produktionskette“, gibt der Firmenchef das ehrgeizige Ziel vor.
Der Digitaldruck sei „eine Revolution, die die Druckindustrie nachhaltig verändert“, ist Borek überzeugt. Seine Gruppe habe sich technisch auf diesen Markt eingestellt, „doch zögern noch viele Unternehmen, hier zu investieren. Wir helfen, diese neuen Märkte zu erkennen und etwa für das Direktmarketing auszuschöpfen.“ In der Praxis bespricht Borek Kommunikation schon mit der EDV-Abteilung eines Auftraggebers, wie Daten optimiert in Prozesse einfließen, in die unterschiedlichen Kanäle eingesteuert und in diesen organisiert werden können.
Henning Boreks einst formulierte Vision hat deutlich Gestalt angenommen. Heute fährt er die Früchte für seinen unternehmerischen Mut und die hohe persönliche Risikobereitschaft ein – und dient damit anderen als Vorbild. Der Erfolg, erklärt er, drücke sich weniger in schieren Zahlen aus – 2010 werden die Erlöse auf dem Vorjahresniveau von 18 Millionen Euro liegen: „Das Wachstum vollzieht sich nicht in Umsatzsprüngen, sondern in der veränderten Struktur unserer Aufträge.“ Sie gießt das Fundament, auf dem die nächste Generation aufbauen kann.



