
Realträumer und Anthrophosoph
Text: Bijan Peymani, # 4/2010
Fotos: DM
Er hat den Drogeriemarkt revolutioniert und Zeichen über seine Branche hinaus gesetzt. Götz Werners Philosophie einer verantwortungsvollen Unternehmensführung war ihrer Zeit voraus – ebenso wie seine Idee vom bedingungslosen Grundeinkommen, für die er öffentlich streitet. Den Ex-Ruder-Champion zeichnet vor allem eines aus: der Glaube an das Gute im Menschen.
Götz Werner ist gern und ausgiebig im Einzelhandel unterwegs – umso mehr, seit er sich aus der operativen Verantwortung der von ihm mit gerade 29 Jahren gegründeten Drogeriemarktkette „dm“ zurückgezogen hat. Der gebürtige Heidelberger liebt es, Wettbewerber zu besuchen, vor allem aber seine eigenen Geschäfte: „Das macht richtig Spaß, und die Leute freuen sich.“ Der heute 66-Jährige war immer ein Chef zum Anfassen. Einer, der fordert und fördert, der zutraut und vertraut. Nicht die Menschen führen, sondern deren Bewusstsein, lautet Werners Credo.
Der Einzelne müsse in die Lage versetzt werden, im Sinne des Ganzen intelligent zu handeln, postuliert der Vorzeigeunternehmer. Während der dreieinhalb Jahrzehnte an der Spitze seines Lebenswerks „dm“ habe Werner in Vorstellungsgesprächen weniger die Vita von Bewerbern interessiert, sondern eher deren „Potenzial für eine Persönlichkeitsveränderung“. Unerlässlich sei die „Fähigkeit zum Evidenzerlebnis“, die Kunst der situativen Geistesgegenwart, der exakten Wahrnehmung. Letztere, betont Werner, sei schließlich die Voraussetzung für Gestaltung.
Und gestaltet hat der siebenfache Vater, der heute in Stuttgart lebt, viel. Als fünftes Kind einer Drogistenfamilie in dritter Generation war Werners Lebensweg nach der Mittleren Reife vorgezeichnet. In Konstanz schloss er 1964 seine Drogistenlehre ab, erwarb sich in der Folge Berufspraxis in diversen Handelsunternehmen. Schließlich trat Werner mit 24 Jahren in den elterlichen Betrieb in Heidelberg ein. Hier kam es mit seinem alten Herrn, damals 67, indes bald zum Zerwürfnis über die Geschäftsführung – eine Erfahrung, die Werner prägen sollte.
Götz hatte dem Papa vorgerechnet, dass dieser, würde er das Konzept nicht ändern, in kurzer Zeit pleiteginge. Doch der Vater vertraute seinem Filius nicht, und der Sohn wechselte zur Karlsruher Großdrogerie „Idro“ der Firma Carl Roth – das elterliche Familienunternehmen traf tatsächlich kurz darauf die Insolvenz. Nach der Reorganisation des Idro-Vertriebs schlug Götz Werner der Geschäftsführung auch die Einführung des Discounter-Prinzips vor, aber mit einer kompetenten Kundenfachberatung. Sein innovativer Ansatz wurde abgelehnt. Also machte er sich mit der Idee selbständig.
Zunächst ging Werner („ich bin Autodidakt“) den konventionellen Weg, indem er schlicht das Discount-Modell – Selbstbedienung, hohe Rabatte dank Großeinkauf – vom Lebensmittel- auf den Drogeriehandel übertrug. Anlass war 1973 der Fall der Preisbindung für letzteren. Mutig und innovativ zu jener Zeit, sollte sich die zentrale Organisationsstruktur mit der Expansion als zu bürokratisch und schwerfällig erweisen. Daher änderte sie Werner in den 1990er Jahren, übertrug den Filialleitern vor Ort weitgehende Selbstverantwortung und Eigenkontrolle.
Sein viel beachtetes, später oft kopiertes Prinzip der „Dialogischen Führung“ beruht auf den Werten Vertrauen und Wertschätzung. Das geht so weit, dass der bekennende Anthroposoph Werner Prämien- und Bonussysteme als stetiges „Misstrauen“ gegenüber der Leistungsbereitschaft seiner Leute betrachtet. „dm“ belohnt nicht den Einzelnen, sondern beteiligt das Filialteam an überdurchschnittlichen Ergebnissen, zahlt einen variablen „Tertialabschluss“. Die Mitarbeiter werden nicht unter Personalkosten, sondern unter „Kreativposten“ geführt, mit einem „Mitarbeitereinkommen“. Manchmal bewirken allein neue Begriffe einen Perspektivwechsel.
Dies gilt auch für die Azubis, von Werner „Lernlinge“ genannt. Während ihrer Ausbildung durchlaufen sie zwei Mal ein achttägiges Theaterprojekt. Mit Unterstützung von Profis sollen sie Team- und Kommunikationsfähigkeit, Konfliktstrategien und Empathie einüben. Und vor allem verinnerlichen, dass sich die Welt um sie herum in einem kontinuierlichen Wandel befindet. Der passionierte Ruderer Werner – als Heranwachsender brachte er es bis zum deutschen Jugendmeister im Doppelzweier – benutzt gern die Metapher vom „permanenten Wildwasser“.
So war, so ist sein eigenes Leben. Ohne akademische Ausbildung, ausgestattet mit einem „gesunden Menschenverstand“ (Werner), baute er seinen Betrieb zur milliardenschweren Nummer zwei im Drogeriemarkt hinter Primus „Schlecker“ auf und ist derzeit auf der Überholspur. Der aktuellen „IP-Trendline“-Studie zufolge handelt „dm“ nach Meinung von 43 Prozent der Befragten von allen Drogisten hierzulande am nachhaltigsten. Die Mitbewerber Rossmann (32 Prozent) und Schlecker (19 Prozent) folgen abgeschlagen.
Nicht von ungefähr wurde die „dm“-Marke „Alverde“ in diesem Jahr für den Deutschen Nachhaltigkeitspreis nominiert. Für Werner der Lohn beharrlicher Arbeit und ehrlicher Unternehmensführung. Zu jedem Problem hatte der Badenser dabei stets selbst „den passenden Schraubenschlüssel“ erfinden müssen. Und er würde es noch einmal genauso machen, sagt Werner im Rückblick: „Unternehmer sind Realträumer, jedes Unternehmen ein sozialkünstlerischer Prozess.“
In diesem Kontext müsse man als Chef lernen, „mit geballten Fäusten in der Hosentasche zuzuschauen, wie ein Mitarbeiter eine Erfahrung macht, die man ihm hätte ersparen können“. Aber das sei eben das prägende Element von Zutrauen: es darauf ankommen zu lassen, wie der andere sich verhält. Nur die eigenen Erfahrungen und Erkenntnisse bringen Menschen weiter, ist Werner überzeugt – den Klugen unterscheide vom Dummen allein, dass er immer neue Fehler mache. Eine von vielen Botschaften, die der Professor der Universität Karlsruhe seinen Eleven vermittelt.
In seinen Vorlesungen am dortigen Institut für Entrepreneurship will Werner den Studenten „zeigen, was es heißt, Unternehmer ihres eigenen Lebens zu werden, und wie man für andere unternehmerisch tätig wird. Es geht darum, wie wir miteinander füreinander leisten“. Diese Fürsorge für junge Menschen markiert lediglich eine Facette des gesellschaftspolitischen Engagements eines Mannes, der laut „Manager Magazin“ über eine Milliarde Euro Privatvermögen verfügen soll und den die österreichische Tageszeitung „Kurier“ einmal als „sanften Kapitalisten“ betitelte.
Dem Ruf wird Werner gerecht, nicht zuletzt durch seine radikale Idee vom bedingungslosen Grundeinkommen, das er auf mindestens 800 Euro ansetzt. Der Gedanke der „Maximierung von Sinn“ einer Tätigkeit durch das Abkoppeln des persönlichen Einkommens von der Arbeit fasziniert ihn seit den 1980er Jahren. Zu den namhaften Befürwortern der Idee gehören Lord Ralf Dahrendorf und der US-Ökonom und Nobelpreisträger Milton Friedman. Werner entwickelte den Ansatz weiter und veröffentlichte sein Konzept in dem Buch „Einkommen für alle“. Die meisten deutschen Politiker stehen der Idee nach wie vor fern.
Unverständlich, gibt es doch mehr Grundeinkommensinitiativen denn je. Eine Online-Petition hatte 2009 über 50.000 Unterzeichner – die öffentliche Anhörung des Petitionsausschusses des Bundestags läuft am 8. November 2010. Bei Facebook hat die Grundeinkommensseite gut 30.000 Fans und damit mehr als jede einzelne Partei. Bundesweit finden regelmäßig Aktionen zum Grundeinkommen statt: Kongresse, Tagungen, Demonstrationen. Warum also die große Zurückhaltung der Verantwortlichen?
Werner begründet das mit der Tatsache, dass derzeit andere Themen die politische Diskussion beherrschen. Aktionismus statt strategischem Weitblick. „Unterhalb der gemeinschaftlichen Metaebene muss man leider feststellen, dass die meisten Menschen lediglich prüfen: Was hat das im Moment für Folgen und nicht, wie sehen diese langfristig aus“, bedauert Werner. Und bei allem gehe es doch um das „know why“, um das Warum. Das kollektive Bewusstsein von Politik, Wirtschaft und Gesellschaft bewege sich viel zu sehr auf der Know-how-Ebene.
Werner wird weiter für seine Vision streiten, und er wird weiter bedingungslos an das Gute in jedem von uns glauben. Nie um ein Bonmot verlegen, hat er auch hier das passende Zitat – von Goethe – parat: „Denn alle Kraft dringt vorwärts in die Weite, zu leben und zu wirken hier und dort; dagegen engt und hemmt von jeder Seite der Strom der Welt und reißt uns mit sich fort, in diesem innern Sturm und äußern Streite vernimmt der Geist ein schwer verstanden Wort: von der Gewalt, die alle Wesen bindet, befreit der Mensch sich, der sich überwindet.“
Es bleibt ihm und uns allen die Hoffnung, dass wir Menschen uns in wachsender Zahl werden überwinden können.



